Nostalgia, my ass!
Newsletter vom 08.06.2025
Liebe Newsletteristas,
Diesen Newsletter werden vor allem jene lieben , die sofort wissen, was das hier ist….
Geht es euch im Moment auch so, dass euch immer wieder die Nostalgie packt? Ich dachte immer, ich sei immun gegen diese Halluzination eines besseren gestern, aber eure emotionalen Mails und Blue Sky Posts nach dem letzten Newsletter über alte Filme hat ganz schon was in mir getriggert, wie man das heute so sagt (und ich hasse, dass man es so sagt, by the way. Was heißt das eigentlich, triggern? Dass Gefühle Knöpfe sind, die gedrückt, werden, dass sie außerordentliche Ereignisse sind, die uns aus unserem funktionierenden Modus herausreißen und zu – tja, was wohl – Menschen machen?).
La Dolce Vita von Frederico Fellini (1960)
Anyway, ich habe gemerkt, dass mich derzeit nichts so emotional macht wie alte Filme. Diese Nuance der Nostalgie hatte ich allerdings schon, bevor ich überhaupt so etwas wie eine Vergangenheit hatte. Ich erinnere mich noch, wie ich als Teenager nachts zum ersten mal La Dolce Vita im Fernsehen sah, und weil es kein Internet gab, blieb ich unbefriedigt (sehn)süchtig, ging in die Videothek um die Ecke, wo mir der Typ an der Theke Horrorfilme andrehen wollte, damit mich jemand trösten kann.
Schon diese Erinnerung ist eine Art Nick Hornby-Feeling in mir, die Zeit, in der wir in ganze Läden spazierten, um Videokassetten auszuleihen und Platten zu kaufen und man nicht scrollte, sondern durch Plattencover zappte.
Eine der schönsten Erinnerungen meiner Studienzeit ist, dass es in meinem Leben einen Plattenwäscher gab, jemanden, der Schallplatten reinigte, bevor sie in die Holzkisten gepackt wurden, sie standen dann in einem kleinen Hinterhof in diesen Geschirrständern, nur waren sie eben Platten.
Ich merke derzeit, wie mir diese Dreidimensionalität der Welt abhanden gekommen ist durch das Display und Scrollen, obwohl alles verfügbarer ist als früher, nur einmal kurz den Namen eintippen und schon hat man es, während es früher einer Eroberung der Welt gleichkam, Dinge zu finden, die man liebte.
Aus der Welt der untergegangenen Dinge
Ach ja, ich kam eigentlich von italienischen Filmen, die einzigen, die ich bisher stark mit Nostalgie verbunden hatte, vielleicht auch französische, Alphaville zum Beispiel, wenn der Menschen im Zeitalter der Modernisierung nur ein Hindernis ist in seiner Verletzlichkeit. Ich bin, jenseits von solchen Filmen und Poesie keine Nostalgikerin, ich denke wirklich, dass ich heute – trotz aller Krisen, in der wir sind – mehr Freiheiten leben darf denn je. Und doch erwischte es mich nach den Gen X Newsletter, auch, weil es so viele von Euch erwischt hat. Was ist das?
Schaut euch eine der schönsten Filmszenen in Godards Film Alphaville (1965) hier an
Ich habe einen Verdacht, der bestätigt wurde, als ich heute eine Insta-Slide gesehen habe über sehr junge Jungs und junge Männer, die im Fitnessstudio derzeit ihre Körper tunen. Ich habe den Artikel natürlich nicht gelesen (macht das wirklich jemand mit diesen Slides?), sondern den Werbesatz zum Text aufgegriffen, der fragte: ist das Training wirklich die Suche nach körperlicher Fitness oder ist Geborgenheit?, Ich denke, das ist auch der Grund für die emotionalen Reaktionen auf Gen X, die Sehnsucht nach Geborgenheit.
Was vorbei ist, wird sich nicht mehr verändern, die Nuancen des Ungewissen, die eigentlich das Leben aufregend machen, heute aber angesichts der globalen Krisen für die meisten angstbesetzt sind, lösen sich auf in den Bildern von gestern. Ich finde das auch eine legitime Form der Realitätsflucht, Sehnsüchte sind billiger als andere Süchte und machen nicht ganz so klinisch relevant abhängig, meistens. Übrigens, noch zwei Sätze zu Alphaville, bevor ich zu einem weiteren Nostalgiefilm komme: Wenn ihr das Gefühl habt, wir leben in einer Welt, in der wir vor allem funktionieren sollen, ist das der Film, der euch auf poetische Art zeigt, dass nicht ihr spinnt, sondern die Welt - und diese Gewissheit war schon vor Jahrzehnten bei einem großen Filmemacher wie Godard die Substanz seiner Schwarzweissfilme. Wenige Momente der Filmgeschichte sind poetischer als Anna Karinas Suche nach Liebe in einer roboterisierten Welt, ich finde der Film erzählt mehr über Künstliche Intelligenz als alle Diskussionen, die ich derzeit verfolge.
Und jetzt zum Film, zu dem ich Griff, nachdem mich die Nostalgie dank eures Feedbacks packte.
Pretty Woman von Gerry Marshall (1990)
Ich habe diese Woche ungelogen wieder Pretty Woman geguckt, sogar zwei Mal. Bei Lena Dunham habe ich mal gelesen, sie legt um 11 Uhr Filme ein, um ihre Kreativität für den Tag zu erhöhen, kann ich auch, dachte ich und schmolz zwei Mal dahin. Ich weiß, aus heutiger Sicht ist das alles machistisch, als ich einer Bekannten sagte, ich hätte den Film gesehen, erwiderte sie streng, der Film sei sexistisch, ich sah sie an, sagte, ja, aber ich mag ihn, sie so: Ich auch. Wir lachten. Ich habe mich daran erinnert, wie sehr ich Julia Roberts Locken damals liebte, so sehr, dass ich mir die einzige Dauerwelle meines Lebens verpasste (und von allen dafür verlacht wurde, außer von einem süßen polnischen Jungen, der tat mir Tatsächlich den gefallen, zu sagen, ich sehe aus wie Julia Roberts).
Natürlich ist er sexistisch und es gab Momente in Julia Roberts Streben, alle um sie herum zu verzaubern in diesem Film, der schmerzhaft war, weil er tatsächlich dazu führte, dass sie die ganze Welt verzaubert hat und viele Frauen meiner Generation dachten, dass sei unser Job als Frau, die ganze Zeit faszinierend, intensiv, fröhlich, magisch und anspruchsvoll zu sein.
Letzteres sollten wir auf jeden Fall sein, ich mag, wie sehr wir uns weiterentwickelt haben, ich habe danach A Star is Born gesehen, auch ein Wahnsinn. Eine Frau, die über die Liebe zu einem erfolgreichen Mann ganz nach oben kommt, und doch so viel emanzipierter als Julia Roberts es damals sein durfte. Anyway über Gaga und Cooper ein anderes Mal, ich wollte von der Nostalgie erzählen, die zwischen mir und meinem jungen Ich entstand, als ich Pretty Woman sah.
Ich erinnerte eigentlich jeden Moment, den der Film schaffen wollte, vermutlich ein Zeichen für die Erlebnisarmut meiner Jugend, man nennt's auch Langeweile, ein heute kaum mehr toleriertes Gefühl. Julia Roberts alias Vivien im Edelklamotten-Laden, die Rache übt an den blonden Biestern, die sie nicht bedienen wollte. Vievien, wie sie im eleganten weißen Kleid durch das Hotel stolziert und alle Angestellte in die Knie gehen vor ihrer Eleganz.
Da war natürlich auch der Aufstieg eines Mädchens, der mich faszinierte. Die Art, wie ich über Gere und Roberts lachte, als wäre mein Lachen plötzlich aus dem Gestern ins heute zurückgekrochen; ich wohnte gerne in diesem vertrauten Lachen, ist das die Nostalgie, die uns heimsucht, wenn wir alte Filme sehen, in alten Bildern wühlen, Kassettenrekorder auf Flohmärkten suchen, in die wir alle Kassetten legen du klack?
Die Geräte des Gestern machten Geräusche, diese Dreidimensionalität, das Erfassen mit Sinnen – während das Scrollen nach Sekundenvideos eine Deformation des Daumens ist, die bis in die Schulterblätter hinein schmerzt. Der Daumen ist übrigens einer der Indikatoren für die menschliche Evolution, nach vorne wie hinten, ratet mal, wie es derzeit um unsere Daumen steht.
Texting Thumb - Keine Sorge, es gibt schon eine Lösung!
Julia Roberts in der Badewanne, Richard Gere wie er sich klischeehaft von ihr weichlieben lässt zurück in ein humanistisches Ich statt eines eiskalten Geschäftsmannes. Die einfachen Erzählstränge, die sexistischen Klischees, it didn't matter, I'm sorry, ich heule auch in Opern.
Ich glaube, die Nostalgie, die viele gerade spüren, ist die Abwesenheit dieser Dreidimensionalität. Wir sind flache Menschen vor Flatscreens geworden, ein Leben zählt weniger als eine Selbstdarstellung, früher schufen wir Kunst aus den Motiven unseres Lebens, heute Filmen wir es ab wie Idioten und geben damit in den sozialen Medien an. Wer von euch kann noch sein ohne das Erleben zu reproduzieren durch digitale Geräte?
Ich verachte das nicht, ich lebe es auch, ich sage nur, ich glaube, es ist der Durchmarsch dieser Geräte, in unsere gesamte Alltagswelt, die uns das Gestern so geborgen erscheinen lässt, weil wir in uns selbst waren und uns nicht selbst darzustellen versuchen im Zeitalter digitaler Reproduktion. Klar wollten wir damals auch angeben, aber in unserem sein. Heute kann es sein, es geht uns scheiße, wir sind auf der langweiligsten Party der Welt, aber wir hauten so ein happy Insta-Bild in die Story, weil hey, ich teile, also bin ich. Ich will hier eigentlich nur mal Kick it like Beckham sagen, haut euch raus aus der Nostalgie, weil sie eigentlich zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Gegenwart ist und die Gegenwart ist größer, wenn wir die Geräte benutzen und nicht sie uns.
Enjoy your coffees, den Morgen und alles,
was sich berühren lässt,
Good Day & Good Luck,
wir lesen uns wieder, keine Frage,
Jagoda








