Rosalia‘s Heaven & Hell
Hello Berlin, sagt Rosalia nach dem ersten Song. Da steht sie auf der Bühne in der uber-Arena, und es wirkt im ersten Moment unrealistisch, wie sie Berlin sagt. Überhaupt, dass sie Berlin sagt. Ist sie nicht irgendwie jenseits von irdisch, oder will es sein, denke ich manchmal, wenn ich ihr neues Album betrachte.
In „Lux“ inszeniert sie sich als Mystikerin, frisiert sich einen Heiligenschein ins dunkle Haar, trägt weißes Kopftuch, ist Nonne, Bekreuzigende und Betende. Doch sie ist auch ein Mädchen, eine Frau aus Barcelona, die das Göttliche, mit dem sie spielt, immer wieder ablegen muss und will. Sie sagt, Come on Berlin, sie heizt an, sie verführt, nein, ihre Göttlichkeit will nicht ungebrochen sein, nicht fleischlos, geerdet.
Ich wusste nicht, dass ich auf Rosalia gewartet habe. Als ihr Album erschien, war ich in den ersten Tagen noch hin und hergerissen, ob ich es überhaupt gut finde. Ich tastete mich heran, hörte ihre Songs in den unmöglichsten Situationen über Kopfhörer, auf Rolltreppen, in Umkleiden, an Bahngleisen, wo alle um mich herum davon eilten, um zu erleben, wie sich die Welt einfärbt, wenn man in ihrer Musik geht, um zu verstehen, wie Rosalia durch ihre Klangwelt im Kopf geht und mit diesem Kopf durch die Straßen. Es hat mich hier und da umgehauen, ja, aber nicht ganz erobert. Bis ich ihre Interviews las und sah, die ihr musikalisches Universum noch einmal anders für mich aufbrachen. Die Art, wie sie sich der Welt nähert, sich neu erfindet, riskiert, verführt, nimmt und gibt, schien mir so ungehört und doch so vertraut.
Ich hatte die Videos von ihren Konzerten schon massenweise über Instagram eingespielt bekommen, ich wusste nicht, wie sie in dieser riesigen Arena wirken wird, normalerweise bin ich nicht gerne in Konzerthallen dieser Größe. Sie wird in einem weißen Kubus auf die Bühne getragen, aus dem sie sich befreit, wodurch er zum Kreuz wird und sie in rosa Tüllkleid ihre Show beginnt. Sie redet, dieses wasserfallartige Sprechen, ihr könnt es auf meinem Insta Account nachsehen, auch hier in Berlin, wie zuvor in Madrid oder Barcelona, eine Geschichte, die von ihren Träumen erzählt, um sich mit der Stadt zu verbinden. Vor zehn Jahren sei sie hier in der Arena gewesen und habe Kendrik Lamar gesehen. Konzerte dieser Dimension kannte sie nicht, doch schwor sie sich, alles zu geben, um eines Tages hier zu stehen. Das Work-Hard-for-your-dreams hätte leicht in US-Tellerwäscher-zum-Millionär umschlagen können, aber sie ergänzte: nicht immer geht der Traum auf. Ich glaube, selbst dann wäre ich glücklich, weil ich tun darf, was ich tun darf. Ich weiß nicht, ob ich ihr glaube, aber dass sie um jeden Preis mit uns verbunden sein will an diesem Abend nimmt das Publikum für sie ein.
Ich weiß noch, wie ich bei Madonna damals dieses Spiel mit der Religion faszinieren fand, der weinende Jesus, das Spiel mit der Unschuld Madonnas, die Sünde, der Reiz daran. Madonna mit ihren italienischen Erfahrungen war eine Nummer heftiger für mich, vielleicht weil ich es das erste Mal erlebte, wie ein Frau religiösen Stoff popkulturell vereinnahmte. Life is a Mistery…, ich habe vielleicht nicht erwartet, dass so viel später, im Zeitalter des Dauerredens über Künstliche Intelligenz, nicht Roboter die Musikwelt erobern werden, sondern Gott. Rosalias Variante ist unschuldiger, verspielter, eine Künstlerin mit einer glücklicheren Kindheit als Madonna oder einer Gesellschaft, die sie jetzt schon versteht, in Spanien hat sie den Rückhalt einer für feministische Motive sehr offenen Gesellschaft, die derzeit ohnehin die Mystikerinnen wiederentdeckt, die Frauen als Ästhetinnen, ich hatte ja in einem Newsletter darüber geschrieben.
Dieses Konzert zu beschreiben ist nicht einfach: Es will alles sein und alles zeigen, künstlerisch wie von den Motiven her: Den Himmel, die Hölle, die Oper, den Rave, die Burlesque, die Diva, die Teamspielerin, die Solistin, die Unschuldige, die Sünderin. Ihr müsst euch sowieso ihr Album reinziehen, wenn ihr diesen Newsletter lest; ich poste hier schon auch Bilder aus dem Konzert, fürchte aber das substack mich bei Videos dann cancelt wegen Musikrechten, also alles vorsichtig ;) In meine Instastories packe ich euch ein paar Konzertmomente.
Ich glaube, es ist diese Zumutung, in die man sich während dieses Konzertes verliebt, dieses quasireligiöse, in dem die Erde nicht genug ist, aber doch der einzige Ort, an dem man ein Steak kriegen kann, wie Woody Allen sagte, als er noch als cool galt, oder wie man heute sagen müsste: die einzige, in dem ich einen gebratenen Blumenkohl bekomme. Rosalia meint ihren Pathos minutenlang ernst, sie scheut sich nicht, das Schöne, das Sehnsüchtige, das Göttliche zu feiern, wie sie es bei Hildegard von Bingen gelesen hat, nur um in der nächsten Pause doch wieder ihre andere Seite zu zeigen: das latinoartige hochziehen der rechten Nasenfalte, wenn ihr was missfällt, die Überheblichkeit, wenn es zumLästern über uncharmante Männern kommt. Mittendrin Einschübe aus ihren alten Alben und ein Element, das sie in allen ihren Konzerten bisher spielte: Den Beichtstuhl als Ort des Austausches über Themen, die uns Frauen beschäftigen, also alles das was jemand wie Denis Schick banal fände, das inszeniert Rosalia in ihren Shows verspielt als Ort des weiblichen Vertrauens, der Rückeroberung der eigenen Geschichten, weil das Bekenntnis, die Beichte, das Entlasten durch das Lachen der anderen, das eigentlich paradoxeste Geschenk des Katholizismus war und ist: Lebe so, dass du im Beichtstuhl Gott um Verzeihung bitten kannst. Oder eine Freundin mit dir lacht.
Sie spielt mit Kunstwerken, zieht Referenzen in die Kunstwelt, sie schafft Bilderwelten, als wollte sie an diesem Abend zeigen/ wir dürfen uns nicht mit dem Alltäglichen zufriedengeben. Auch das zutiefst religiös. Ich dachte immer, dass Marx die Funktion von Religion nicht verstanden hat, als er seinen berühmten Satz prägte, Religion sei Opium für das Volk. Wenn sie nicht gerade von Kirchenträgern missbraucht wurde, um zu manipulieren oder Nationalisten zu unterstützen, sollte Religion immer die Unersättlichen ihres Hungers nach mehr vergewissern, sollte Kraft geben, dieses irdische Leben nicht nur im Ringen nach dem nächsten Tag zu leben, sondern in der Suche nach mehr. Eben nicht das abspeisen oder das vertrösten auf den Himmel, sondern die Suche nach dem Himmlischen im Jetzt. in gewisser Weise, war der American Dream schon in diesem religiösen Mythos angelehnt. Rosalia ist die Künstlerin der Stunde, weil sie spürt, wie sehr viele diese Überhöhung im Moment brauchen. Überhöhung aber nicht nur in der Kunst und Selbstinszenierung und Musik, sondern auch in der Suche nach etwas Transzendierendem. In einem spanischen Interview sagte sie kürzlich, sie habe früher mehr Tipps für Mental Health verfolgt, inzwischen bete sie. Das alles tanzt mit ihr über die Bühne. Das alles bricht sie gekonnt, wenn sie mit einer anderen Frau im Beichtstuhl die Rache an Männern feiert, wenn sie ihr Publikum aufsaugt, vampirsch die Luft der Begeisterung einatmet, nur um sie sinnlich wieder auszuatmen.
Ich glaube, Rosalia erlöst mich im Moment von vielem, was wir hier in Deutschland als starke öffentliche Frau feiern. Always the Bad Girls. Always the Angry LadiesD Doch leider oft als Reaktion auf etwas, also doch definiert durch andere, auf die wir uns beziehen oder meinen, beziehen zu müssen. Viel zu selten nehmen wir uns die Zeit, eine eigene Welt zu erschaffen, statt nur die Gegenwelt zu sein oder einzufordern. Ja, ich schätze die Arbeit von deutschen Sängerinnen und Comedy-Stars, aber wenn ich diesen Abend sehe, sehe ich auch: ich bin müde von der Ironie, der Aggression und der Pose der starken Frau, die alle anbellen muss, um eindrucksvoll zu sein oder als stark zu gelten. So bleibt der Referenzrahmen die Welt, in der frau nicht sein kann, wer sie ist und wie sie ist. Rosalia will sein, wer sie ist. Sie will uns einladen in diese ihre Schaffenskraft, sie hat sich jahrelang in ihre Welt zurückgezogen, drei Jahre lang ein Album kreiert, das aus ihrer Suche nach Büchern, Liebe, Wahrheiten, Schälungen ihrer selbst entstanden ist. In ihrer Show stirbt sie nicht zufällig zwei Mal und steht wieder auf. Jesus calling. The idea of being Born again- cause we can.
Ich liebe, wenn sie La Perla singt, soy una Perla. Ich bin eine Perle, sie beschreibt einen Liebhaber als terrorista emocional, was mich neben dem Rhythmus des Songs umgehauen hat, ja, wer kennt sie nicht, diese emotionalen Terroristen. Sie dreht das Tempo immer höher auf, bis sie am Ende singt: Sie sei eine Perle, eine auf die man richtig acht geben muss… In einem Video in Spanien sah ich eine Schulklasse, wie sie dieses Lied lernte und laut zusammen sang , Jungs wie Mädchen, und dachte, was für ein Glücksfall sie ist für diese Zeit, in der alle meinen, Kraft sei, dem Gegner den Mittelfinger zu zeigen.
Rosalia zeigt hingegen, dass sie ihren Mittelfinger zu schön findet, um ihn einfach dem Gegner zu widmen, sie will ihre eigene Welt schaffen, nicht sich nach jenen ausrichten, die ihr kein Zuhause bieten können. Das ist der schöpferische Kern ihres künstlerischen Schaffens, das ist ihre Religion: dass wir Kreaturen und Kreatueure sind.
Am gestrigen Abend hat mich am meisten beeindruckt, wie viele Menschen genau das brauchen: Eine Künstlerin, die auf die Welt zwar reagiert, aber doch eine eigene kreiert, damit wir in sie hineindürfen. Vielleicht ist es das, was diese Zeit verlangt: die Energie nicht in künstliche Intelligenz, sondern in künstlerische Intelligenz zu packen.
Wir lesen uns wieder, keine Frage,
Jagoda









Ja, 100% ja, zu Rosalias Kunst, Performance und danke sehr für ihre Beschreibung des Konzerts. Höre ihnen beiden seit Jahren zu.
So schön, dass Rosalia ihre Kunst so kreiert wie sie es tut. Und so schön zu lesen, wie du es beschreibst. 💕💫🙏