The Talented Mrs.Power
Newsletter vom 22.06.2025
Liebe Newsletteristas,
der Sommer ist da, die Hitze, die in die Kleider kriecht, die Lust auf Eiswürfel in allen, was nach Glas aussieht. Ich liebe den Sommer, ich kann das Meer kaum erwarten. Bis dahin muss ich noch ein Festival auf die Beine stellen, davon erzähle ich allerdings erst nächste Woche. Diesen Sonntag wollte ich über Talent sprechen.
Ich hatte euch kürzlich ja schon geschrieben, dass ich A Star is Born gesehen hatte und mich der Film so reingezogen hat, wie sonst eher meine frühen Filme.
Spätentdeckerin, ich weiß, jeder lobte den Film, ich hab ihn verpasst, wie so viele, und ich glaube auch nicht, dass mir Bradley Cooper bisher irgendwie aufgefallen wäre jenseits seiner Auftritte im Boulevard. Es ist angenehm, Menschen zu unterschätzen, weil ich nicht kommen sehen habe, wie sehr er mich als gebrochener Musiker Jack berührt, wie dieser tiefe, leere, sehnsüchtige Blick ins Talent der Frau, die Lady Gaga spielt, mich irritieren wird.
Es ist eine Liebesgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte, aber vor allem sah ich den Film als einen Film über unsere Gaben. Er verliebt sich in Ally (Lady Gaga), weil sie singt, um zu überleben, nicht überleben im Sinne von ihre Miete zahlen zu können, sondern, um sein zu können, wer sie wirklich ist in einer Welt, die sie vielleicht als Tochter, Kellnerin oder gute Freundin braucht aber nicht als Mensch, der Gefühle in Töne verwandeln kann. Ich will nicht weiter in den Film und seinen Plot einsteigen, weil man da eigentlich über Liebe reden müsste und Abhängigkeiten, ich will wirklich nur anfangen, danke dieses Filmes über Talent nachzudenken. Weshalb fasziniert es uns, wenn wir in anderen sehen, dass sie eine Gabe haben?
Weshalb beschäftigt es uns, wenn wir an uns selbst entdecken, dass wir vielleicht eine Sache oder zwei anders können als andere Sachen und vielleicht sogar anders als andere Menschen. Die Magie zwischen Jack und Ally ist, dass ihr Sein, ihr Fühlen, Denken, Zweifeln, Ängste sich in Musik übersetzt, dass sie durch Musik mehr sein können, als sie es im Alltag können, vielleicht ist es dieses Transzendieren der eigenen Alltäglichkeit, das Talent gleichermaßen faszinierend wie furchteinflößend macht für sich selbst und für andere. In dem Film liebt Jack ihr raw Talent, die reine Ausdruckskraft, während sie sich aufmacht zur Weltkarriere und dabei – mit allem Talent – doch schnell in die Fallen der weiblichen Retortenmusik verfällt. Ihre Haare müssen grell werden, die Klamotten müssen eng und sexy sein, sie muss auch saublöd umherschwingen mit den Hüften während sie singt, während Jack am Rand steht, immer derselbe auf der Bühne und dahinter. Männer müssen nicht in dieses Reigen, was nicht heißt, sie hätten keine eigenen Schmerzen durch das, wer sie in so einer Industrie, die ihr Talent kapitalisiert, sind. Seht euch den Film an, wenn nicht längst geschehen.
Talent vs. Industrie
Warum erzähle ich euch das? Weil ich so gerne Umwege gehe. Ich habe dieses Monat eine der talentiertesten Sängerinnen, die es für mich gibt, live gesehen. Seit dem Ende meines Studiums gibt es keine Stimme, in der ich mehr Stunden gesessen bin als in ihrer. Wann immer ich ihre Lieder anspiele, ist es, als wäre das ein Raum, in diesem Raum kann man nicht hineintreten, er verschließt die Welt einfach. Der Song, dessen erste Töne mich vermutlich in die Welt tragen, aus der sie sie mitgebracht hat, ist The Greatest. Ich rede von Cat Power, weniger bekannt als Chan Marshall, wie sie eigentlich heißt.
Cat Power ist eine Frau, deren Talent mich oft sprachlos macht, ich konnte lange nicht glauben, dass sie als junge Frau Angst hatte, auf der Bühne zu stehen, lange hieß es, sie sei Alkoholikerin gewesen, weil sie manche Shows absagen musste. Sie selbst sagt später in einem Interview, sie hätte Depressionen gehabt und sei keine Alkoholikerin gewesen. In der Musikbranche sagte einer über sie, man bekäme keinerlei showbiz artifice ever von ihr, und ich denke an den Film und wie Ally alias Lady Gaga in den ganz Konformismussexynesswahn der weiblichen Musikwelt gepresst wurde, während Cat Power sie selbst zu bleiben versuchte, die Haare kurz schnitt, blondierte, zunahm. Über ihre letzte Tour, die, auf der ich sie jetzt auch gesehen habe, schrieben einige Männer, sie hätten sie kaum erkannt oder in ihrem grünen Anzug für Claudia Roth gehalten. Ich habe mich immer gefragt, wie merkwürdig es sein muss, ein Talent zu haben, das mit deiner Stimme zu tun hat, also etwas Unsichtbares, aber Hör- und Fühlbares, während die ganze Industrie dein Aussehen verkauft und beurteilt.
Cat Power singt Bob Dylan. Ist ihre aktuelle Tour und so dankbar ich bin, sie endlich live gesehen zu haben, wünschte ich, sie würde ihre Lieder singen. Kaum betritt sie die Bühne ist da dieser Eigensinn. Ich habe sie in Zagreb gesehen, wo das Publikum diesen Eigensinn sofort mit Applaus honoriert. Ich sehe auf der Bühne nach wie vor eine Frau, die ihre Unsicherheiten hat und doch nicht abweichen will von dem, wer sie ist, eine Frau, die nicht als Frau im klassischen Sinn da oben stehen muss, sondern als Frau, wie sie Frau sein will. Ihr Talent treibt sie auf die Bühne, nicht in jedem Moment wirkt es so, als ob sie da sein will. Wieder denke ich, dass Talent eben nicht nur ein Geschenk ist, es fordert Dinge von uns ein, manches Talent zwingt scheue Menschen vors Publikum, manches redselige in einsames Arbeiten. Was ist das in uns, das wir diesen Gaben folgen? In der Mitte des Konzertes geschieht, was alle sich gewünscht haben: Die Scheu fällt von ihr ab, die Angst, das Mikro sei zu laut zu leise oder sonst wie eingestellt. Ihr Talent spielt sich frei, ihre Freude an ihrem Talent, das Publikum ist wie erlöst, letztlich möchte niemand - wenn man nicht gerade Stefan Raab Formate entwickelt und sich als Publikum dumm unterhalten lässt – einen anderen Menschen auf der Bühne scheitern sehen.
Ein Saal mit über 1500 Menschen hört nicht mehr auf zu klatschen zwischen den Stücken, sie spielt und singt immer freier, überhaupt, die Freiheit, sein Talent leben zu dürfen, es nicht kommerzialisieren zu müssen, lieber unter zweitausend zu spielen, aber ich zu sein statt Riesenhallen zu füllen mit Retorten, die jeder sein könnte. Sie spielt Dylan, ich liebe beide, ich warte auf den Tag, an dem sie wieder Cat Power spielen wird. Am Ende des Abends will der Saal nicht aufhören zu klatschen, sie bedankt sich, mehr als ich je einen Star haben Dankbarkeit für Applaus, als müsse sie sich bedanken dafür, geliebt zu werden. Sie geht in die Knie, hebt die Hand zur Faust und gen Himmel, steht wieder auf, und sagt etwas wie allen Gewalten zum Trotz, sich erhalten (zumindest fühlte ich das so) und als sie den Saal verlässt, nochmal die Hand gen Himmel: Fight the Power. Das Publikum klatscht sich sehnsüchtig eine Zugabe herbei. Sie wird nicht wieder kommen, einmal weil sie Dylans Original Konzert treu bleibt, aber auch, weil sie sich treu bleibt, denke ich. Was für ein Leben, das Talent einem schenken und aufzwingen kann, gleichermaßen. Wo wären wir, wenn Menschen sich weigern würden, diesem Ruf in sich nachzugeben? Was hätten wir?
Cat Power kam nicht noch einmal. Ich kaufte mir zum ersten Mal ein T-Shirt, why not celebrate her talent this way. Wer Cat Power auf Instagram folgt, weiß, dass Fight the Power der Kampf des Einzelnen meint, die treu zu sich selbst, aber auch unseren Kampf gegen die Kräfte des Bösen. Sie teilt gefühlt dreißig Posts täglich auf Instagram, um auf Trumps Wahnsinn aufmerksam zu machen.
Once I wanted to be the Greatest, so beginnt der Titelsong einer der besten Alben, die es meiner Meinung nach gibt: The Greatest. In dieser kleinen Pause vor The Greatest, steckt all ihr Respekt vor der Größe unserer Träume, vor dieser Sehnsucht in uns, die viele von uns treibt, die uns manchmal nicht normal sein lässt, die uns jedoch auch immer wieder in solche Abende treibt, auf der Suche nach Momenten, in denen diese Sehnsüchte spürbar werden, Menschen, die sich ihren Talenten anvertrauen und anderen, die es zu genießen wissen, weil nichts bleibt. Als sie ging, nicht wiederkam, dachte ich nur, schon vorbei. Nichts bleibt. Und doch bleibt´s.
Lebt eure Talente. Liebt sie in anderen. Mehr gibt´s heute nicht.
Good Day & Good Luck,
wir lesen uns wieder,
keine Frage,
Jagoda

