When we talk about love
Newsletter vom 15.06.2025
Liebe Newsletteristas,
ich möchte euch diese Woche von einer besonderen Begegnung erzählen, in der es, mehr als alles andere, um Liebe geht. Von Raymond Carver stammt der wunderschöne Titel „What we talk about, when we talk about love“ und damit geht es ins Herz von Barcelona, wo ich vor einiger Zeit eine Liebende kennenlernen durfte, die Musik macht, ihren Weg sucht und einen Menschen vermisst, der ihre große Liebe war: Sophie Auster.

Sie war auf Europatour mit ihrem neuen Album, Milk for Ulcers. Ich hatte vor einigen Jahren, während des Lockdowns, mit ihrer Mutter, der Autorin Siri Hustvedt, ein Interview für FREIHEIT DELUXE geführt. Seither ist viel Zeit vergangen und einiges geschehen, in Sophies Leben und Musik geht es im Moment viel um den Verlust ihres Vaters, Paul Auster, den sie die Liebe ihres Lebens nennt… when we talk about love.
Die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater, der sie bedingungslos geliebt hat, die Sehnsucht nach seiner Präsenz, seiner Art, sie in der Welt sein zu lassen, nach seiner Menschlichkeit. Ihr Vater ist gestorben und in ihr Leben kam ihr Sohn Miles. Ihr Freund Spencer Ostrander, Fotograf, begleitete sie in Barcelona auf dem Konzert.
Ich fand mich abends in den kleinen Jazzclub ein, in dem sie spielte und sah, wie sie sich die Bühne und das Publikum eroberte, wie sie flirtete mit Spencer, der im Publikum war und kokettierte mit ihren vergangenen, unglücklichen Lieben. Sie sang einen Song, in dem es um das Blue Team ging, und ich wusste, morgen, wenn ich sie für das Interview abhole, will ich sie fragen, was genau das Blue Team ist.
Ich sah eine junge Frau, die noch über ihren Vater trauerte, die an ihrer Karriere in der Indie-Nische als Musikerin arbeitete, die verzauberte, stark sein wollte, zerbrechlich, eigenwillig, sexy, mütterlich und magisch. Am Ende des Abends stand sie bei ihren CDs und Shirts und signierte, redete mit jedem im Publikum, als sei es der eigentliche Grund, weshalb man auf Tour geht.
Am Anfang des Abends sagte sie das sogar explizit: Die Konzertgäste hatten die ersten Meter vor der Bühne frei gelassen, aus Scheu oder Höflichkeit, warum auch immer. Sie, nach dem ersten Song, sagte völlig irritiert zu ihren Gästen:
"Listen, guys, maybe this thing in the back works for you, it definitely doesn't work for me, so please come closer, let's connect, that's what we need in these times."
Mit these times meinte sie die Zeiten unter Trump, den ihr Vater nur The Orange Man nannte, weil er seinen Namen nicht aussprechen wollte und sie führt seine Tradition fort.
Am nächsten Morgen holte ich sie ab, um ins Studio für eine Folge FREIHEIT DELUXE zu fahren. Wir saßen im Taxi, die Frau, die gestern noch auf der Bühne leuchtete und nun überlegte, wie die Tour als Ganzes gelaufen ist. Ich wusste, dass ich sie auch etwas über ihren Vater fragen wollte, selbst wenn sie das früher schwierig fand, da sie nicht ständig über ihre berühmten Eltern definiert werden wollte.
Ich erinnerte mich an Anfang März 2023, als Siri Hustvedt auf Instagram einen Post veröffentlichte, in dem sie über Austers Krebserkrankung sprach:
„… and I have been living in a place I have come to call Cancerland. Many people have crossed its borders, either themselves or love someone, a parent, child, spouse, or friend who has had cancer. Cancer is different for every person who has it. All human bodies are alike and no two are the same. Some people survive and others die. This everyone knows and yet living close to that truth changes everyday reality.“
CC BY 3.0 - Paul Auster 2010
In diesem Moment, noch während ich ihren Post las, wurde aus einer Familie, die ich bewunderte, deren Arbeit ich seit Jahrzehnten eng verfolgte, etwas weit Größeres: eine menschliche Familie.
Menschen, die trotz ihres Erfolges, ihrer Talente, des Glanzes, der dadurch auf sie abfiel, in der Lage waren, die universelle Verletzlichkeit des menschlichen Daseins sichtbar zu machen. Es gibt Momente im Leben, da entscheidest du dich, deine Verletzlichkeit anzunehmen, dich als Teil der Spezies Mensch zu sehen, die mit dieser Verletzlichkeit umgehen muss, oder etwas in dir bricht - weil du hart bist, um weich zu sein.
Es hat mich berührt, wie Sophie den Verlust ihres Vaters trotz der Privatheit als eine gemeinsame Erfahrung mit vielen anderen sehen konnte. Auf der Bühne sagte sie, wie viele Menschen auf Tour sie getroffen hatte, die, wie sie, in dieser Trauer lebten. Dabei wollte sie früher nicht einmal auf Auster angesprochen werden, weil sie – auch menschlich – für sich selbst gesehen werden wollte.
So saßen wir also in diesem Studio in Barcelona, sie erzählte über ihre Jugend und weshalb sie, trotz der Liebe ihrer Eltern, keine glückliche Kindheit hatte. Wir redeten als Töchter über Väter. Sie erzählte mir, was Blue Team bedeutet und was ihr Vater damit in ihr Leben brachte. Als junger Mensch war er Teil einer Gruppe von Jungs, mit der er sich heimlich nachts traf, um über Literatur zu lesen, eine Art Club der toten Dichter, lange bevor es den Film gab.
Wer gemeinsam über Bücher redet und das Leben, der verpflichtet sich auch zu einem Ehrencode, gut zu sein, nach inneren Werten zu leben, für andere da zu sein, Mensch zu sein. Sie beschrieb Paul Auster als einen, der sich anfassen lies, der helfen wollte, wenn einer in der Nachbarschaft den Job verlor, der die Freunde ihrer Tochter auf ihren Charakter hin beurteilte: Sind Sie Teil des Blue Teams? Spencer, ihr jetziger Freund, ist es, sagte Sophie, Blue Team ist jemand, der deinen Vater zur Chemotherapie fährt, für dich da ist, für ihn da ist, weil es das ist, was jetzt zählt.
Blue Teams: Sophie und Spencer bei ihrer Hochzeit 2019
Es ist eine Zeit, in der wir so viel über Egoisten hören, tägliche Nachrichten vom Orange Man, aber auch Geschichten über die Inhumanität bei uns in Deutschland, wenn ich etwa auf Insta den Account Klasse 9c gegen Abschiebung lese. Eine 9. Klasse kämpft für ihren Mitschüler, weil er nachts nach Ägypten abgeschoben wurde, ein ganzes Blue Team für einen kleinen Jungen, der nun weg ist.
Ich merkte, als ich vor ihr saß, wie sehr ich diese anderen Geschichten gerade brauche: Eine weltberühmte Familie, die nichts mehr will, als Nähe zueinander und zu anderen Menschen. Anstand. Verbindlichkeit. Blue Teams und Liebe, ganz gleich zu wem, zu Eltern, Nachbarn, Freunden, jenen, die uns brauchen und jenen, die gerade nicht einmal wissen, dass sie uns brauchen, weil sie sich auf irgendeine Art in unserer verrückten Gesellschaft abhanden gekommen sind. Ich will diese Begegnung mit euch teilen, weil sie mich an das Wichtigste im Leben erinnert hat, das, was bleibt, ganz gleich, wie sehr wir uns ablenken: Die Zeit, die wir auf der Erde haben und die Liebe füreinander.
Wir scheitern vermutlich täglich, alle, uns das bewusst zu halten, weil das Wissen um die Vergänglichkeit manchmal erst da ist, wenn vieles fast verloren ist. Das Gespräch mit Sophie erscheint nächste Woche Freitag, es ist eine Hommage an Paul Auster, aber vor allem ist es eine Liebeserklärung an Menschen, die jeden Tag dafür kämpfen, den guten Menschen in sich am Leben zu erhalten, ganz gleich, was geschieht. Menschen, die Teil des Blue Teams sein wollen und sind.
Become a member of the Blue Team, that´s it.
Good Day & Good Luck,
wir lesen uns wieder,
keine Frage,
Jagoda
P.S.: Ich habe vor vielen Jahren eine Geschichte über meine Begegnung mit Paul Auster geschrieben, die lege ich euch hier mit rein.
Mein Treffpunkt mit Paul Auster:
209 Prospect Park W (btwn 15th & 16th St.), Brooklyn





Was für ein schöner Text! ...den guten Menschen in sich am Leben zu erhalten...das ist manchmal echt schwer. Und doch: forever Blue Team 💞